Gehört er zu Dir?

Gehört er zu Dir?

Manchmal wird der schönste Tag des Lebens auch ein ganz besonders interessanter. Die Kirchentüren öffnen sich und begleitet von Orgelspiel und Kirchengeläut zieht das Hochzeitspaar hinter meinem Vater Richtung Altar in die Kirche ein, die Hochzeitsgesellschaft erhebt sich ergriffen, ein feierlicher Moment.

Vielleicht weiß nicht jeder etwas mit der Bezeichnung „Nicht-Sesshafter“ anzufangen. Seinerzeit im Pfarrhaus standen fast jeden Tag ein paar „Nicht-Sesshafte“ – von manchen despektierlich „Penner“ genannt – vor unserer Tür, sie seien auf der Durchreise und ob wir Ihnen etwas für den leeren Magen mitgeben könnten. Vermutlich könnte man einen ganzen Blog nur mit Geschichten über diese Begegnungen füllen, aber jetzt und hier geht es um den schönsten Tag, Kirchgeläut usw. Alle haben sich also in ihren feinsten Zwirn geworfen und bestaunen ergriffen das würdevoll hereinschreitende Brautpaar … und den direkt hinter dem Brautpaar mitlaufenden Nicht-Sesshaften. Tüchtig der mitgebrachten Schnapsflasche zusprechend und eingehüllt in die Duftwolke von mehreren Monaten ungewaschenseins.
Während sich das Brautpaar zuflüstert „gehört er zu Dir?“, „nein, gehört er zu Dir?“, entdeckt schließlich als letzter auch mein Vater den Überraschungsgast, geht zu ihm, flüstert ihm leise etwas ins Ohr, der fremde Herr nickt, setzt sich still hin, und obwohl sich die Hochzeitsgesellschaft innerlich schon für alles wappnet, verläuft die restliche Trauung absolut reibungs- und störungsfrei.

Was er ihm denn zugeflüstert hätte, wollten auf der anschließenden Feier alle wissen.
„Ich habe ihm gesagt, dass das ein besonderer Tag ist und er gerne bleiben darf, wenn er verspricht nicht zu stören.“
Während alle das sehr salomonisch und gut gelöst finden, sieht eine runzelige und vergrämte alte Dame das ganz anders: „So was ist ein ganz schlechtes Omen! Ich hätte ihn rausgeschmissen!“
Hätte sie vermutlich gar nicht gemusst. Zu ihrer Hochzeit hätte er sicher gar nicht kommen wollen.


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